Die Verhaftung von Jakob Schneider, Pfarrer von Laufeld (1944)
Teil 1
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Durch die persönlichen Aufzeichnungen von Jakob Schneider sind wir über die Vorgänge genauestens informiert. Der Trierer Bistumsarchivar Prof. Dr. Alois Thomas bat den Laufelder Pfarrer 1979, einen Beitrag zu einer geplanten Dokumentation über die Maßnahmen des national-sozialistischen Regimes gegen die Priester des Bistums Trier zu leisten. Schneider willigte ein und machte aus seinen nach der Entlassung aus dem Konzentrationslager Dachau angefertigten Notizen einen 160 Seiten umfassenden Text.
Ahnungen (1. Sonntag der Fastenzeit 1944)
Am Nachmittag sitze ich an meinem Schreibtisch und bereite eine Bibelstunde für den Abend vor. Meine Schwester Helene tritt ein. „Was steht da drüben vor Webers für ein Auto?“ Ohne aufzuschauen, sage ich: „Es wird wohl wieder die Gestapo (Geheime Staatspolizei) sein“, und arbeite weiter. Am Abend halte ich in der Pfarrkirche meine Bibelstunde. Als ich wieder im Pfarrhaus bin, klopft jemand behutsam an die Tür und bittet um Einlass. Ich öffne. Ein älteres Mädchen tritt ein (A.B.). Es sagt mir: „Heute Nachmittag war die Gestapo im Dorf und hat etwa 10-12 Personen über Ihre Neujahrspredigt verhört. Einige Männer ließen sich einschüchtern und gaben die Antwort, die von der Gestapo gewünscht wurde. Andere wollten mit dieser peinlichen Sache nichts zu tun haben und bekannten: ‚ich habe während der Predigt geschlafen‘.“ Ich habe den Mut des Mädchens bewundert, das mir mit dieser Mitteilung einen großen Dienst erwiesen hatte. Vor den Pfeilen, die man kommen sieht, kann man sich besser schützen.
Einige Tage später war für die Geistlichen des Kreises Wittlich in St. Paul Recollectio, eine Art Einkehrtag. Ein Pater hielt einen religiösen Vortrag. Nach kurzer Betrachtung folgte eine sakramentale Andacht. Dann saßen wir noch ein Stündchen zusammen und besprachen die Neuigkeiten aus Politik und kirchlichem Leben. Ein Mitbruder wusste zu berichten, der Kreisleiter hätte meine Neujahrspredigt zitiert und behauptet, ich hätte Christus mit Stalin verglichen. Ich war schockiert ob dieser entstellenden Wiedergabe. Bange Ahnungen tauchten in mir auf.
Anfang März feierte mein Prinzipal, Pfarrer Johannes Schill, in Hüttersdorf sein Silbernes Ortsjubiläum, zu dem er alle seine ehemaligen Kapläne einlud. Auch ich fahre hin. Während der Fahrt und später bei der hl. Messe und bei der häuslichen Feier foltere mich der Gedanke, dass sich mein Schicksal bald erfüllen werde.
Verhör in Wittlich
Nach dem Jubiläum fahre ich nach Hause. Unter der eingegangen Post befindet sich die Vorladung der Gestapo mit der Aufforderung, am 10. März 1944 in der Außenstelle Wittlich „zur Erörterung“ zu erscheinen. Bei der Vernehmung ging es um meine Neujahrspredigt. Die Gestapo warf mir vor, ich hätte Christus mit Stalin verglichen. Zu diesem Vorwurf durfte ich mich äußern. In meiner Predigt wollte ich meiner Pfarrgemeinde ein Losungswort mitgeben für das neue Jahr. Damals war im Osten viel von Stalin die Rede, der auf der Höhe seiner Macht stand. Er lenkte die Geschicke von Staat und Partei. Millionen von Menschen hörten auf sein Wort, machten sich seine Lehre zu eigen und ließen sich von ihm führen. Sein Bild hing in den Fabriken und Büros. Der Name Stalin war die Parole.
Unter diesen Umständen war es gar nicht so abwegig, eine Parallele zu Christus zu ziehen. Wer wollte uns Katholiken verwehren, dass wir mit derselben Treue zu Jesus Christus stehen, wie andere zu Stalin stehen. Ich wollte wissen, was an dieser Predigt denn Revolutionäres war?
Der Beamte, der mich verhörte, frage mich: „Warum haben Sie nicht den Führer genannt?“ Ich antworte: „Wahrscheinlich wäre mir das ebenso schief ausgelegt worden.“ Im übrigen war der Beamte mir gegenüber freundlich. Erleichtert ging ich von dort weg im Glauben, dass die Sache erledigt sei.